Reality-TV zwischen Fakten, Fiktionen und Wirklichkeit Programmforschung und Wirklichkeit

Auf Anregung des Medienrates der Landesmedienanstalt Saar diskutierten Experten am 12. September über Reality TV. Die Formate der „Scripted Reality“, in denen die Wirklichkeit so dargestellt wird, dass sie möglichst spektakulär herüberkommt, werden immer zahlreicher. Der Fernsehzuschauer hat wachsende Schwierigkeiten, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Zuschauerkritiken und –beschwerden werden immer zahlreicher.

Kritisiert werden in erster Linie die pseudo-dokumentarischen Formate, welche die Lebenswirklichkeit verfälschen, sowie die Diskriminierung gewisser ethnischer oder sozialer Gruppen oder die herabwürdigende Darstellung einzelner Personen. Deshalb erschien es dem Medienrat der LMS wichtig, sich einen Überblick über die unterschiedlichen Kategorien und Formate der Realitätsunterhaltung zu verschaffen. Mit dem wissenschaftlichen Leiter und Geschäftsführer der Medienforschung in Potsdam, Professor Dr. Hans-Jürgen Weiß und dem Medienpsychologen der Julius-Maximiliansuniversität Würzburg, Frank Schwab, stellten zwei hochkarätige Fachleute die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten vor.

So stellte Professor Weiß fest, dass das Programmsegment stets weiter zunimmt. Im Frühjahr 2012 wurde in sechs privaten deutschen Vollprogrammen nicht weniger als 63 Reality-TV-Formate identifiziert. Das sind zehn mehr als im Vorjahr.

In der Regel werden die Formate von RTL in Köln auf die Schiene gesetzt und dann an Vox und RTL II weitergeleitet, wobei ganz besonders Vox mittlerweile das Bild eines Reality-Spartensenders vermittelt. Der Wissenschaftler verwies bei den Diskussionen immer wieder auf den Unterschied zwischen der inszenierten Wirklichkeit und der „gescripteten“ Wirklichkeit, die eigentlich als solche gekennzeichnet sein sollte. Mitunter steht im Abspann der Hinweis, alle handelnden Personen seien frei erfunden. Das ist aber noch lange nicht die Regel, obwohl es vor allem für die jungen Fernsehzuschauer und für Menschen mit geringem Bildungsniveau nicht einfach ist, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Aufgabe wird umso schwieriger, als eigentlich fast alle nicht-fiktionalen Programme inszeniert sind. Dazu zählt Weiß die Nachrichten, die Magazine, die Talkshows und Dokumentarfilme. Er unterscheidet zwar zwischen Information und Unterhaltung, verweist aber darauf, dass der Übergang von der Information zur Unterhaltung nicht immer klar ist. Wie lange wird informiert und ab wann werden Emotionen oder Sensationen hervor gerufen?

Wenn die Wirklichkeit nicht mehr genügend Emotionen freisetzt, dann wird sie gescriptet. Das ist mittlerweile der Fall bei den Gerichtsshows und den Daily Talks. „Wo beginnt der Zuschauerbetrug?“, fragt Weiß und wirft im gleichen Atemzug die Frage nach der Professionalität der Produktionsgesellschaften auf. Diese arbeiten nämlich mit Laien, die in diesen Sendungen zu einem ganz geringen Lohn sich selbst spielen, was die Produktion extrem preiswert macht und auf Kosten der Ehrlichkeit geht.

Die Auswirkungen des „Scripted Reality“-Formates auf das Publikum wurde bislang nur wenig erforscht. Gewusst ist, dass Vielseher stärker beeinflusst werden, weil sie oft keine eigenen Maßstäbe haben. Auch Kinder und Jugendliche können die inszenierte Wirklichkeit nicht immer richtig abgrenzen. Sie suchen in den Shows oft eine Lösung für ihre eigenen Probleme. Sind die dargestellten Situationen extremer als ihre eigene, kommt eine gewisse Erleichterung. Ist das nicht der Fall, dann sinkt das eigene Selbstwertgefühl.

Darüber hinaus fälschen die vielen, unterschiedlichen Darstellungen der Wirklichkeit auch die reale Welt. Es steigt das Gefühl der Angst, Unsicherheit, gefühlten Kriminalität. Gegen diese Emotionen kommt auch die Kennzeichnung nicht an.

Abschließend bewertete der Direktor der LMS, Gerd Bauer, den ungebrochenen Anstieg von Pseudojournalismus und Reality-Formaten als bedenklich. In seinen Augen reicht es nicht, Reality zu kennzeichnen. Er plädiert vielmehr dafür, vor allem die privaten Fernsehgesellschaften an ihre Pflichten in einer positiven Rundfunkordnung und freien öffentlichen Meinungsbildung zu erinnern.

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